Das Eselchen vom Nikolaus

Geschrieben von am 23. November 2013 | Abgelegt unter Allgemein, Erzählungen und Geschichten, Hanspeter Eberle

Die einen oder anderen wissen, dass ich über 25 Jahre lang als St. Nikolaus unterwegs gewesen bin.
Damals im Chlausteam Hl. Kreuz in Zürich-Altstetten.
Nebst den immer wieder berührenden Familienbesuchen, amtierte ich ein paar Jahre als Radio-Samichlaus beim ehemaligen Zürcher Radio Z und habe mitgeholfen, in vielen Vereinen den Chlausabend zu gestalten.

Neulich, bei Aufräumen ist mir mein alter Chlausordner in die Hände gefallen. Natürlich ist der Zeitpunkt rein zufällig…
Ich habe etwas darin geblättert und beim Lesen der Geschichten und Reime habe ich mich an diese tolle Zeit erinnert.
Und denke mir, dass Du vielleicht Kinder hast, die Du etwas auf die Nikolauszeit einstimmen willst.
So habe ich die Geschichte vom Eselchen des St. Nikolaus von den abgegriffenen Ordnerseiten abgeschrieben damit Du sie weiter erzählen kannst.
Der ursprüngliche Autor oder die Autorin sind nicht vermerkt – es ist ja schon über 30 Jahre her, seit ich die Geschichte erzählt habe… Sollte also jemand Anspruch darauf erheben so entschuldige ich mich an dieser Stelle und halte fest, dass ich niemandem sein geistiges Eigentum streitig machen will.
Sondern einfach eine Geschichte niederschreiben. Für Kleine und Grosse.

Und wenn Du in der Region Zürich wohnst und einen tollen und lieben Nikolaus suchst, dann wirst Du beim Chlausteam fündig…

St. Nikolaus‘ Eselchen

Jedes Kind weiss, dass St. Nikolaus einen Esel hat, um alle die unzähligen Säcke mit Nüssen, Äpfeln, Lebkuchen und Ruten zu schleppen, die sein Herr braucht, wenn er am St. Nikolaustag zu den Kindern geht, um nachzufragen, ob sie auch artig gewesen das Jahr hindurch. Er hatte natürlich nicht immer denselben Esel während der vielen, vielen Jahre, in denen er die Städte und Dörfer durchzog. Doch es waren doch immer Esel aus derselben Familie, und fast immer sah einer aus wie der andere. Der Sohn folgte auf den Vater, und der Vater war nach dem Grossvater unverdrossen mit dem guten St. Nikolaus durch den Schnee gestampft.

Alle diese Eselchen sahen schön silbergrau aus und hatten eine schwarze Mähne und eine kleine schwarze Quaste an ihren Schwänzen; alle waren fleissig und folgsam, wie es sich gehört, wenn man der Esel des St. Nikolaus sein will.

Als nun der Winter wieder einmal gekommen war, der Schnee in dicken Flocken zur Erde fiel und die Weihnachtszeit nahe war, da kam St. Nikolaus in den Stall, wo das Eselchen stand, klopfte ihm auf den glatten Rücken und sagte: „Nun, mein Graues, wollen wir uns wieder auf die Reise machen?“ Der Esel stampfte lustig mit den Füßen und wieherte leise. So zogen sie dann zusammen aus, der Esel hochbepackt mit Säcken, St. Nikolaus in seinem dicken Schneemantel, mit hohen Stiefeln und grossen Pelzhandschuhen. Wenn sie so durch das Feld zogen, knirschte der Schnee unter ihren Füssen, und ihr Atem flog in grossen Wolken um sie herum; aber St. Nikolaus lachte doch mit seinen fröhlichen alten Augen in die Welt hinein, und das Eselchen schüttelte sich vor Vergnügen, so dass die silbernen Glöcklein weit über das Feld klangen.

Im nächsten Dorf kehrten sie ein; denn sie waren beide hungrig. St. Nikolaus stellte sein Eselchen in den Stall und setzte sich selbst in die warme Stube zu einem Teller Suppe. Im Stalle standen schon ein paar Pferde; auch ein Esel war unter ihnen, und gerade neben diesen – es war ein großer Mülleresel – kam unser Eselchen zu stehen. „Was bist denn Du für ein Kauz?“ fragte der Große verächtlich. „Ich bin der Esel des St. Nikolaus“, antwortete stolz unser Grauer. „So“, höhnte der Mülleresel, „da bist Du auch etwas Rechtes! Immer hinter dem Alten herlaufen; im Schnee stehen vor den Häusern; fast erfrieren und verhungern, ehe du wieder in deinen Stall kommst; keinen rechten Lohn; immer dasselbe Futter jahraus, jahrein; ich würde mir so etwas nicht gefallen lassen.“ „Ja, hast Du es denn besser?“ fragte ganz erstaunt das Eselchen; „Du musst doch auch Säcke tragen, oder nicht?“ „Natürlich“, prahlte der Esel; „aber nur, wenn ich will. Und zwischendurch laufe ich herum und gehe, wohin ich will. Habe ich Hunger, so komme ich heim und fresse, aber nicht nur Dein lumpiges Heu, nein, Hafer, so viel es mir beliebt, und Brot und Zucker bringt man mir.“

Das Eselchen glaubte dem Aufschneider alles; denn beim St. Nikolaus hatte es natürlich nicht lügen gelernt. Solch ein Leben erschien ihm beneidenswert; denn Hafer, Brot und Zucker bekam es nur selten. „Es war natürlich nicht immer so“, fuhr der Mülleresel fort; „aber einmal lief ich einfach davon und kam acht Tage nicht wieder heim. Seither lassen sie mich machen, was ich will. Weisst Du was, lauf‘ Deinem Alten auch einmal davon und lass ihn seine Säcke allein schleppen. Du sollst sehen, wie es nachher anders wird. Lauf, lauf, die Türe ist eben offen, und Du bist nicht angebunden.“ Das Eselchen, das wirklich ein rechtes Eselchen war, wurde ganz verwirrt im Kopf von all dem Neuen, und da der große Esel ihm Respekt einflösste und man auf das Böse viel leichter hört als auf das Gute, es auch große Lust hatte, einmal eine Reise auf eigene Faust zu machen, so besann es sich nicht lange und ging wirklich zur Türe hinaus.

Dort schüttelte es sich, schlug übermütig aus, dass der Schnee davon stob, und galoppierte zum Hofe hinaus, über die Strasse, durch den Kartoffelacker, und lief in den Wald. Dort sprang es hin und her, rannte mit den Hasen um die Wette, spielte mit den Hirschen und Rehlein und machte hohe Sprünge, um den Schnee abzuschütteln, der von den Tannen auf seinen Rücken fiel. „Kroa, Kroa; das ist ja dem St. Nikolaus sein Eselchen“, riefen ein paar Raben, die über das Feld geflogen kamen und den St. Nikolaus oft gesehen hatten, wenn er mit seinem Grauen über Land zog; „wie kommst denn Du hierher?“ „Ganz allein“, sagte stolz das Eselchen, „und so bald gehe ich nicht wieder heim. Mir ist es verleidet, immer Säcke zu tragen, und ich will nun ein wenig meine Freiheit geniessen.“ „Und St. Nikolaus?“ fragten die Rehe und Hirsche und Hasen; denn sie kannten ihn alle. „Oh der“, sagte das böse Eselchen, „muss sich nun halt einen anderen suchen oder seine Säcke selber tragen.“ Es sprang davon, immer weiter in den Wald hinein.

Da begegnete es einem Burschen mit einem Gewehr, der zwei Hasen geschossen hatte. „Du kommst mir gerade recht!“ lachte er und schwang sich auf das Eselchen. Er war oben, ehe es recht wusste, wie ihm geschah, und all sein Bocken und Ausschlagen half ihm nichts. Der Bursche trieb es mit seinen Schuhen und seinem Kolben, wohin er wollte, und mehr als zwei Stunden musste es ihn durch den Wald tragen, bis er vor dem nächsten Dorf abstieg. Das Eselchen war müde geworden und auch hungrig. Es lief auf eine große Wiese, um etwas Essbares zu suchen. Der Schnee war aber sehr hoch und hart gefroren, und das Eselchen fand nicht das kleinste Kräutlein.

Als es weiterlief, sah es am Ende der Wiese, hart am Waldesrand, ein altes Mütterchen gehen, das auf seinem Rücken eine große Bürde Holz schleppte. Mühsam und langsam ging es vorwärts und atmete schwer. Das Eselchen, das im Grunde gar ein liebes Eselchen war und bei St. Nikolaus nur Gutes gelernt hatte, ging ganz nahe zu dem Mütterchen und blieb vor ihm stehen, senkte auch seinen Kopf und sah mit seinen klugen Augen die alte Frau so aufmunternd an, dass diese das Tier wohl verstand.

Sogleich lud sie ihm ihr Holz auf den Rücken, tätschelte ihm den Hals und machte „Hü!“, und das Eselchen trottete gemütlich hinter dem Mütterchen her, bis sie das kleine Haus erreicht hatten, weit draussen vor dem Dorf. Kaum war das Holz abgeladen, so kamen die Enkelkinder der Alten, sprangen um den Esel herum und schrien: „Ach, lass mich reiten, lass mich reiten!“ Das Eselchen, das von St. Nikolaus gelernt hatte, die Kinder lieb zu haben, liess sie reiten. Erst die Mädchen, dann die Buben, dann wieder die Mädchen und wieder die Buben; zuletzt saßen zwei auf, ritten gegen das Dorf, schrien „Hü!“ und „Hott!“ und schwangen ihre Mützen. Vor dem Dorf warf das Eselchen sie ab, und es gab ein großes Gelächter und Geschrei. Darauf sprangen die Kinder heim; das Eselchen lief weiter und wusste nicht so recht, wohin es gehen sollte. Es war schon müde, und Hunger und Durst hatte es auch.

Es kam an einem Brunnen vorbei und wollte trinken; aber da war alles gefroren, und nur tropfenweise rann das Wasser aus der Holzröhre. Das Eselchen leckte daran; aber es konnte damit seinen Durst nicht stillen. Auch zu fressen fand es nichts. Langsam lief es in den Wald zurück und dachte an seinen warmen Stall, an das viele Heu, das es immer bekam, und an den guten St. Nikolaus, der ihm jedes Mal dabei über den Rücken strich. Traurig ging es vorwärts; hie und da fiel ein Tannenzapfen herunter, oder es krachte ein dürrer Ast; aber sonst war alles still. Die Dämmerung kam, und dem Eselchen wurde es unheimlich. Wenn es nur den Weg gewusst hätte! Wenn es doch nur wieder daheim wäre.

Nachdem der gute St. Nikolaus seine Suppe gegessen hatte, ging er in den Stall, um das Eselchen herauszuholen. Aber da war kein Eselchen mehr. Er suchte es überall und fragte alle Leute, ob sie sein Eselchen nicht gesehen hätten; aber niemand hatte es gesehen. Da kam er auf die Strasse und sah im Kartoffelacker Spuren von kleinen Hufen. Er ging den Spuren nach und kam in den Wald. Da krächzten über ihm ein paar Raben: „Kroa, Dein Eselchen ist im Wald.“ Sie flogen vor ihm her und zeigten ihm eine Weile den Weg. Als sie nicht mehr weiter wussten, kamen die Hirsche und Rehe und sagten: „St. Nikolaus, Dein Eselchen ist zum Dorf gelaufen.“ St. Nikolaus lief bis zum Dorf und war schon recht müde. Da begegnete er einem Hasen, der über ein Krautfeld lief. Der machte ein Männchen, dass die Löffel kerzengerade in die Höhe standen, und sagte: „St. Nikolaus, Dein Eselchen ist hinter dem Dorf im Wald; ich habe es eben gesehen. Es steht unter einer Tanne und lässt die Ohren hängen.“ Und richtig, als St Nikolaus den Hügel hinter dem Dorf hinaufstieg, sah er das Eselchen ganz traurig stehen. Es war so müde, dass es nicht einmal den Kopf wandte, als es Schritte hörte.

„Graues!“ rief St. Nikolaus. Potz tausend, was machte es da für einen Sprung, und wie lief es hin zu St. Nikolaus, den es, trotzdem es ganz dunkel war, gleich erkannte. Es wieherte vor Freude, schmiegte sich dicht an ihn und rieb seinen Kopf an dem weichen, wohlbekannten Pelzmantel. „Aber, Graues“ sagte St. Nikolaus, „was machst Du für Sachen!“ Da schämte sich das Eselchen ganz gewaltig. St. Nikolaus nahm es am Zaum; die beiden guten Freunde trotteten durch den Schnee zur nächsten Herberge, und als das Eselchen auf sauberem Stroh im Stalle stand, das duftende Heu vor sich, und St. Nikolaus ihm hinter den Ohren kraulte, da dachte es bei sich: „Diesmal bin ich ein wirklicher Esel gewesen.“
Und das ist die Geschichte von St. Nikolausens Eselchen.

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