Ist Geben wirklich ist seliger als Nehmen?

Geschrieben von am 17. Dezember 2013 | Abgelegt unter Hanspeter Eberle, Kultur, Meine Meinung, Systemische Arbeit

„Geben ist seliger als Nehmen“. Den Spruch aus der Apostelgeschichte haben viele von uns mit tibetanischem Gebetsmühlencharakter in der Kindheit mit auf den Weg Bekommen. Damit dem „Egoismus“ ein Riegel geschoben wird. Doch kann das Geben Abhängigkeiten und Schuldgefühle generieren. Ganz egal, wie gut die Absicht des Gebers ist.

Der Weihnachtskommerz steht in seiner höchsten Blüte und mit Engelszungen vermitteln die Anbieter von Geschenkideen die Botschaft, dass Schenken pure Freude erzeugt und gar Liebe ersetzen kann – je mehr, desto besser.

Schuld ist eine Realität

Im kleinen Rahmen ist es oft durchaus so, dass ein kleines Mitbringsel die Augen des Beschenkten zum Leuchten bringt. Vor allem dann, wenn Du mit viel Fingerspitzengefühl genau das passende Geschenklein gefunden hast.
In der systemischen Arbeit erlebe ich immer wieder, dass in ein paar Grundregeln zum Thema „Geben und Nehmen“ eine tiefe Wahrheit steckt.

  • Schon im Physik- und Chemieunterricht haben wir gelernt, dass ein Bedürfnis nach Ausgleich da ist. Auch im richtigen Leben ist dieses Bedürfnis da: Nach Ausgleich zwischen Geben und Nehmen und/oder zwischen Gewinn und Verlust.
  • Der Gebende darf nur soviel geben, wie der Nehmende nehmen kann und will. Und nur soviel, wie der Nehmende auch wieder ausgleichen kann.
  • Nehmen ist oft schwieriger als Geben.

Hand aufs Herz: Ist es Dir auch schon so ergangen, dass Du ungewollt beschenkt worden bist oder Dir jemand Hilfe aufgedrängt hast? Möglicherweise hast Du es frei nach dem Motto „Ich will ja den Geber nicht verletzen“ angenommen und Dich anschliessend unwohl gefühlt, weil Du nichts zum Ausgleichen hattest?
Der Schenkende und der Beschenkte sind über die Bewusstseinsfelder untrennbar miteinander verbunden – so als hätten sie eine gemeinsame Seele. Zusammen bilden Sie ein System und wenn dieses System durch eine einseitige Aktion ins Ungleichgewicht kommt, so erzeugt dieses Ungleichgewicht beiM einen oder bei beiden ein schlechtes Gewissen.

Probleme zementieren

Mal angenommen, Du bist richtig wohlhabend, weil Du grad die Euromillios abgeräumt hast. Und Du hast einen guten Freund, der mit seinem Geld einfach nicht klar kommt. Er verdient monatlich 1’500.-, braucht jedoch 2’500.- um auf seine Art standesgemäss zu leben.
Für Dich ist es ein Leichtes, Deinem Freund einmal mehr mit einem Darlehen unter die Arme zu greifen oder seine gesammelten Schulden aus der Welt zu schaffen. Das belastet noch nicht mal Deine Portokasse.
So gut Du es meinst – helfen tust Du ihm damit nicht. Im Gegenteil – Du zementierst sein Problem. Denn das ist ja noch immer dasselbe: 1’500.- verdienen und 2’500.- brauchen.
Du nimmst ihm ebenso einen Teil der Verantwortung ab – pfuschst also richtig in sein Leben und sein Schicksal.
Er wird sich natürlich im ersten Moment freuen, weil er finanziell wieder Luft hat. Doch früher oder später wird er die Schuld Dir gegenüber spüren und das schlechte Gewissen – und den Glaubenssatz, ein Versager zu sein, packt er auch grad noch mit drauf.

Und wie ist das an Weihnachten?

Wie reagierst Du, wenn Dir jemand etwas schenkt, an den Du gar nicht gedacht hast? Und Du das Päckli erst unter dem Christbaum findest? Vielleicht kannst Du es vorbehaltlos annehmen, möglicherweise geht Dir jedoch der Gedanke durch den Kopf: „Sh… jetzt habe ich ihm/ihr ja gar nichts geschenkt…“
Und schon spürst Du die Wirkung, wenn Du nicht ausgleichen kannst.

vIER Tipps für unter den Christbaum

  • Triff klare Absprachen über den Wert von Geschenken.
  • Wenn Mitfeiernde wünschen, nicht beschenkt zu werden, respektiere das. Gib auch nicht „etwas Kleines“ und hege keine Erwartungshaltung, von diesen Menschen beschenkt zu werden.
  • Kläre für Dich, ob das „Umegäh“ (Hin und Her geben) für Dich Sinn macht und ob Du das weiterhin mitmachen willst.
  • Hast Du Dich für das Schenken und Beschenktwerden entschieden, so hadere nicht mit Deinem Schicksal, wenn es tatsächlich stattfindet. Und Du von Tante Marie den 23. Topflappen bekommst…

Kinderaugen leuchten gerne

Natürlich hast Du sofort bemerkt, dass alles, was Du eben gelesen hast, für Erwachsene gilt. So quasi: „Die vorstehenden Zeilen sind nur für Jugendliche ab 18 Jahren…“.
Kinder und oft auch grosse Kinder freuen sich und warten ungeduldig darauf, den Christbaum zu stürmen und die buntverpackten Päckli aufmachen zu dürfen. Das ist legitim und Kinder dürfen das.
Und Du darfst den Kindern auch Päckli unter den Baum legen. Selbst mit so nutzlosem Zeugs wie einem Buch, Malutensilien, einem MP3-Player oder einfach Spielzeug. Glaub mir, damit zauberst Du ein Leuchten in die Kinderaugen.
Ein Leuchten, dass Du eher nicht sehen wirst, wenn Du so praktisches und nützliches Zeugs wie Socken, Taschentücher oder (ungewünschte) Alltagsklamotten schenkst – selbst wenn Du es in das bunteste aller Papiere einpackst.

An den wichtigsten Menschen denken

Hast Du keinen vergessen? Für jeden, dem Du was schenken willst etwas Schönes gekauft oder gebastelt? Dann ist es ja fast gut.
Uuups – an den wichtigsten Menschen hast Du vergessen zu denken: An Dich selbst. Welchen Wunsch erfüllst Du Dir zu Weihnachten? Denn – wer weiss – möglicherweise kommst Du wie ich auf den Geschmack, Dich jede Weihnacht selber zu beschenken, Ganz einfach, weil Du Dich selber gern hast.

Ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest und einen fulminanten Rutsch ins 2014!

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2 Kommentare zu “Ist Geben wirklich ist seliger als Nehmen?”

  1. am 19. Dezember 2013 um 17:00 1.Bettina Tobler schrieb …

    Lieber Hampi!
    Du sprichst mir aus der Seele
    deine Mails lese ich immer mit viel Freude besten Dank und auch dir und deiner lieben Frau frohe Festtage, dass du die guten Ratschläge auch voll anwenden kannst 🙂 liebe Grüsse

    Bettina

  2. am 8. April 2014 um 22:43 2.Franz Josef Neffe schrieb …

    GEBEN bedeutet SÄEN.
    Das ist notwendigerweise zuerst zu tun, wenn man NEHMEN = ERNTEN will.
    So einfach sehe ich das in der Ich-kann-Schule.
    Handle also gut, damit es DIR gut geht!
    Dann haben es alle Menschen mit jemand zu tun, dem es gut geht. So jemand trifft man heute nicht alle Tage.
    Freundlich grüßt
    Franz Josef Neffe

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